11.2 Vorurteil

Wer kennt sie nicht- diese gezwungen lockeren Kennenlerngespr√§che, um die peinliche Stille m√∂glichst zu vermeiden. So l√§sst auch die obligatorische Frage nach Studium oder Beruf nicht lange auf sich warten und verspricht auf jeden Fall die n√§chsten 10 Minuten zu f√ľllen.
Ich studiere Innenarchitektur. Einem langgezogenden ‚ÄěA‚Äú folgt Zuspruch und Bewunderung. Ja, so was kenne man schlie√ülich aus dem Fernsehen. Sicher w√ľrde auch ich W√§nde anmalen und so eine sch√∂ne Falte in das Kissen machen. Hier und da noch eine Kerze und eine Dekokugel und schon hat man den Raum vollkommen ver√§ndert.
Stille meinerseits. Wie kann ich meinem Gegen√ľber klarmachen, dass ich nicht Kultur- und Kommunikationswissenschaften studiert habe und nur vorgebe in der Raumgestaltung beruflich aktiv zu sein, w√§hrend ich -mit Verlaub- in manchmal fragw√ľrdigen Kost√ľmen √ľber den Bildschirm diverser Privatsender husche. Auch sehe ich mich nicht wirklich als derma√üen hochtalentiert, sodass die phantastischsten Ideen f√ľr genau diese R√§umlichkeiten innerhalb von Sekundenbruchteilen aus mir heraussprudeln und die Bauarbeiter hinter der T√ľr umgehend und ohne weitere Planung loslegen diese umzusetzen. Es kommt wahrscheinlich h√∂chst selten vor, dass die Klienten dann noch in den Urlaub geschickt werden und zum geb√ľhrendenAbschlussumarmtwerden,w√§hrenddiese indergesamtenBauphasenichteinmalmitredetenundnunmit glasigen Augen in Ihrem neuen Wohnzimmer stehen.
Nein ich wurde womöglich missverstanden. Ich studiere Innenarchitektur!
Das, was diese blonde, lächelnde Dame da tut, hat gewiss einen guten Hintergedanken, nur in meinen Augen leider kaum etwas mit der Realität zu tun- egal, Hauptsache die Quote stimmt und dieVerfälschung eines Berufsbildes gleich mit.
Dass die Wirklichkeit immer hinter den Kulissen stattfindet und ein Team aus Innenarchitekten und diversen Gewerken wochen-, wenn nicht sogar monatelang geplant und organisiert haben, kommt in der einen Stunde Sendezeit nicht wirklich r√ľber.
Wie bitte soll man einem Klienten klar machen, dass der Umbau der 120 m2 großen Wohnung nicht innerhalb einer Woche realisierbar ist, wenn es doch das Team aus dem Fernseher hinbekommt!?
Traurig ist schon,dass dieseVorurteile schon im famili√§ren Umfeld w√§hrend des Studiums auftreten.Stolz pr√§sentierte 1:20 Modelle des Entwurfs werden von den Eltern m√ľde mit dem Kommentar bel√§chelt: ‚ÄěAch sch√∂n. Das ist ja wie Basteln f√ľr Fortgeschrittene‚Äú.
Die Tatsache, dass man f√ľr den sch√∂nen Knick im Kissen nicht 5 Jahre (Regelstudienzeit Bachelor & Master) studieren muss und die Hochschule keinen Kurs f√ľr fortgeschrittene Bastler anbietet, sollte eigentlich jedem einleuchten.
Doch nicht nur die Innenarchitektur hat mit diesen Vorurteilen zu k√§mpfen. Es bleibt zu bezweifeln, dass es in Deutschland Krankenh√§usern so zugeht, wie bei der Schwarzwaldklinik oder den Anf√§ngern von dem TV- Format ‚ÄěScrubs‚Äú. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen Angst vor einer OP haben.
Wenn Sie also in Zukunft einen (angehenden) Innenarchitekten treffen, gr√ľ√üen Sie ihn bitte von mir und vermeiden Sie bitte Vergleiche zur TV-Branche